Von Aserbaidschan und anderen Verrücktheiten

Hansa Rostock vs. Alemania Aachen 1:0

„Komm Kevin, wir müssen noch zu den Verrückten da drüben“. So oder so ähnlich muss es Christian Rahn zum „Neu-Spieler“ Kevin Schindler gesagt haben, als einige gerade dabei waren, nach der Sieges Feier über die Nord-,West- und Osttribüne, sich wieder in die Kabine zu verziehen. Doch die Süd pfiff, sie wollte ihren verdienten Lohn für die getane „Arbeit“; für 90 Minuten kollektives Ausrasten. Und sie bekamen ihn – Schindler und die anderen Helden kehrten noch nicht in die erholsamen Entmüdungsbecken.

Ganz im Stile eines Aufsteigers feierten alle, dem dieser Verein irgendetwas bedeutet, den 1:0 Sieg gegen Alemania Aachen. Doch für diesen Erfolg war es ein harter Weg.

Der „Weg“ begann für mich, wie man es eigentlich schon gewohnt ist, um exakt 5:20 Uhr MEZ irgendwo in einer kleinen Nürnberger Wohnung(kurz meiner Wohnung). Dem fast schon routinemäßigen Gang ins hansaforum, folgte dem Bügeln meines Lieblings-Hansa T-Shirt. „Hansa – Neunzehnhunderfünfundsechsig“ – weiße Schrift auf schwarzen Grund.

„Brillenbär“ Jens wollte sich die entspannte Fahrt entgehen lassen – offiziell hieß es aus finanziellen Gründen, die ich hier nicht weiter ausführen möchte. Wer ihn kennt, der weiß, dass er nun mal sehr sparsam lebt – versteht sich, dass er auf dieses Spiel verzichtet – ganz der alte Bausparer ;-)

So fand ich eine andere Mitfahrerin, Suse aus München, soziale Netze sind doch sehr, sehr nützlich. So fanden wir uns zu zweit also gegen 6:00 Uhr im Bahnhofsgelände in Nürnberg wieder. Suse, die ganze Nacht schon durch gefahren(Bayern Ticket Klassik Variante: München-Augsburg-Nürnberg ab 2:10 Uhr), war entsprechend müde, als wir beide in ICE gen Hamburg Altona stiegen.

Und was sahen meine müden Augen in aller Herrgottsfrühe: Chemnitz Schals. Angesichts des Mottos „Der Osten hält zusammen“ entwickelte sich ein flottes und lustiges Gespräch, welches sowohl über den Cheinitzer Fußball, als auch über den hanseatischen Fußball handelte. Die Chemnitzer Reisegruppe wurde in Fulda komplettiert (4) und es wurden die Pläne mit der deutschen Nationalelf ausgetauscht. Besonders das Thema „Auswärtsspiel in Aserbeidschan“ sorgte immer wieder für gehörigen Gesprächsstoff. Die Zug Variante war zwar nicht sehr beliebt (zu lange unterwegs, aber gibt’s eigentlich ein „Ukraine Spezial Ticket), aber trotzdem war die Bereitschaft da zu fahren.
Irgendwie schlummert in mir schon etwas Bereitschaft diese Fahrt mit dem Zug anzutreten. Und wenn Jens noch seine alten Bundeswehr Kontakte spielen lässt, dann ist die Kalaschnikow gesichert.

Hamburg wurde pünktlich erreicht – die Reise Crew Chemnitz löst sich von uns – und wir bummelten weiter mit dem IC nach Rostock. Der ganze Spaß kostete exakt 33€ - ebay Tickets sei Dank. Sowohl Schwerin, als auch Bützow wurden zügig passiert und irgendwann durften wir beide in der Hansestadt aussteigen.

Der Weg zum Stadion war natürlich längst bekannt und x-Mal abgegangen – aber irgendwie wollte heute ein Zaun nicht, dass ich direkt 27a erreichen konnte. Ein geschlossenes Gitter, neben der Eishalle verhinderte mir den Weg.

„Hansa forever, für alle Zeit“. Dieses Lied singend betrat ich 5 Minuten vor Anpfiff unser so geliebtes Stadion. Sofort streckte ich die Hände in die Höhe und die ersten Gesänge wurden angestimmt. Die Chorero zur Ehre des 7-jährigen Geburtstages der SUPTRAS schien ein voller Erfolg zu sein. Und los ging es zum ersten Heimspiel unserer Mannen!

Hansa gleich mit forschen Beginn (Pagelsdorf hatte Gott sei Dank ein Einsehen und stellte die Innenverteidigung wieder mit Gledson und Orestes auf. Was aber immer noch ein Herr Rahn auf der linken Seite zu suchen hatte, weiß nur er selbst). Der Beginn war vielversprechend – gleich zwei gute Möglichkeiten zu Beginn ->das machte Mut auf einen guten Saisonstart.

Doch auch Aachen kam unter ihren wenig mitgereisten Fans (die 200 waren noch sehr großzügig geschätzt) – nach rund 25 Minuten krachte ein Weitschuss aus ca. 30 Metern an den Außenpfosten. Durchatmen!

Hansa konnte den Schwung aus der Anfangsphase nicht mitnehmen, es schlichen sich doch einige Fehler im Spielaufbau ein. Besonders Rahn sorgte immer wieder für Unmut, als er z.B absolut geniale Diagonal Pässe aus 20 Metern, die beinahe punktgenau bei ihm landeten, nicht mit dem Fuß stoppen konnte.

Vor der Pause gab es auf beiden Seiten zwei Aluminium Treffer zu verzeichnen: Sowohl Kern scheiterte per Kopf(trotz der kopfball starken Aachener?!) am Außenpfosten. Auf der anderen Seite trafen die Gäste freistehend nur die Unterkante der Latte. Halbzeit.

Nach der Pause sorgte nur der Block 27/27a mit einem Geburtstagsständchen der SUPTRAS für Aufregung (positiv), auf dem Platz passierte zuächst nicht viel. Die 18.000 im Ostseestadion sahen zwar eine sehr couragierte und teilweise sehr gut kombinierende Hansamannschaft. Torchancen waren aber Mangelware.

Gerade als sich einige (auch Jens am TV) mit einem 0:0 abgefunden hatten, spürte ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Tor erreicht war. In der 71.Spielminute war es Dorn, der vorher nur durch schlechte Ballannahme und Verstolperern in Erscheinung getreten war, der nach einem perfekten Zuspiel von Schindler den Ball diesmal gut annahm und ihn über den Torhüter hob. 1:0 – es gab kein Halten mehr auf den Rängen. Das Gefühl sich mit allen in den Armen zu liegen und einer der glücklichsten Menschen in diesem Augenblick zu sein, sind die Gründe, warum man immer und immer wieder zum Fußball fährt. Und warum man Hansa so liebt.

Die anschließende UFTA mit Beteiligung der Nord-Tribüne, ließ jeglichen Abstiegsschmerz beinahe vergessen. Es waren einfach atemberaubende Momente. Der Block feierte weiter, immer weiter – währenddessen vergaben Cetcovic und Bartels, die beide eingewechselt wurden, beste Möglichkeiten. Nach nicht enden wollenden 90 Minuten+x, blies der Referee den richtigen Ton aus seiner Pfeife.

Es folgten die beschriebenen Jubel Szenen und für mich der Gang zurück zum Zug. Meinen Aufenthalt in Rostock konnte ich leider nicht länger gestalten. Aber manchmal reichen auch 90 Minuten.

So saß ich also um 21:01 Uhr im ICE Richtung Nürnberg. Um 1:45 Uhr war ich wieder zu Hause und träumte. Von Hansa und von einem wunderbaren Heber von Regis Dorn.

Und von Baku.

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